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Ich liebe seine Architektur

Gestern (19.11.) kam ich nachmittags in Phoenix an, der Millionenstadt und Hauptstadt Arizonas. Die Fahrt war lang und weitgehend ereignislos, bis darauf, dass ich das allererste Mal allein Wasser aufgefüllt habe. Das heißt von einem Reservekanister in den Tank der Spüle umgepumpt, dann mit dem Rest den Außenkanister und im Anschluss den Reservekanister mit Frischwasser aus dem Zapfhahn des Rastplatzes gefüllt. Ich war ganz stolz auf mich und erregte dabei auch gleich Aufsehen. Ein älteres Camperpärchen aus Washington (State) kam gleich auf mich zu und mit mir ins Gespräch. Sie verbringen den Winter südlich von Phoenix auf einem Campingplatz. Auch nicht schlecht.
Ein paar Mal war ich während der Fahrt hin- und hergeschwankt, ob ich auf einem einsamen Platz im National Forest oder doch lieber vor einem belebten Spielkasino übernachten soll. Ich entschied mich dieses Mal für den Trubel, denn in der Stille und Einsamkeit bin ich bei jedem vorbeifahrenden Auto etwas furchtsam. Hier vor dem Wild Horse Casino stehe ich auf einem riesigen Parkplatz, der mit Videokameras überwacht wird. Gestern Abend gesellten sich noch zwei weitere Wohnmobile zu mir und ich verbrachte eine ruhige und beruhigte Nacht.
Heute früh (20.11.) brach ich Richtung Taliesin West auf, dem früheren Wohn- und Atelierhaus des Architekten Frank Lloyd Wright.

Es wurde 1937 zunächst als provisorisches Winterquartier von dem in Wisconsin lebenden Wright erbaut und glich eher einem Zeltlager, denn einem festen Quartier. Die Decke des Gebäudes bestand und besteht noch heute weitestgehend aus Zeltmaterial, das über den Sommer jeweils abgebaut und eingelagert wurde.

Es war bei den zugegebenermaßen wenigen Regentagen, die es in Phoenix im Winter gibt, undicht. Aber das störte niemanden. Es hatte auch keine Klimaanlage, denn im Sommer war ja niemand da. Das Esszimmer, das sowohl seine Familie als auch die mit ihm in Taliesin West lebenden Architekturschüler beherbergte, sah so aus:

Ist das nicht fantastisch? Ein Esszimmer im Freien? Frank Lloyd Wright steht eben für organische Architektur, und da ist drin = draußen und umgekehrt. Rechts auf dem Bild sieht man eines seiner weiteren Gestaltungselemente, die z.B. auch in Falling Water zu sehen sind: Es gibt keine Rahmen oder tragenden Säulen in den Ecken. Die Glasfenster stoßen einfach so aufeinander. Genial, so hat man einen ungehinderten Blick ins Freie.
Dass Teile der ursprünglich offenen Konstruktion später mit Glas geschlossen wurden, ist der jahrelangen Überredungskunst seiner Frau zu verdanken, die das Innenleben vor Sand- und Regenstürmen (auch diese zugegebenermaßen eher selten hier) schützen wollte. Frank Lloyd Wright stimmte dem Glas irgendwann zu, war aber nicht bereit, irgendeinen Gegenstand zu verrücken, nur um die Fenster einzusetzen. Das Ergebnis seht ihr hier:

Ist das nicht super lustig? Das Fensterglas wurde um die Amphore herum ausgeschnitten.
Mit Undichtigkeiten seiner Entwürfe hatte Frank Lloyd Wright sowieso zeit seines Lebens zu tun. Falling Water, das wunderschöne Haus über dem Wasserfall, das ich vor einigen Jahren auch schon besichtigen durfte, war bereits ab Tag der Fertigstellung undicht (was bei der Lage über dem Wasserfall nicht unbedingt vorn Vorteil war). Und Johnson Wax, der ein Fabrikgebäude sein Eigen nannte, dessen Oberlichter zu einem wunderbaren, indirekten Licht in den Räumen führten, rief ihn eines Tages an und brüllte ins Telefon, dass sein Schreibtisch gerade durch Undichtigkeiten von oben nass würde. Und was antwortete Frank Lloyd Wright darauf?
Er solle doch bitte seinen Schreibtisch verrücken.
Alles eben eine Sache der Perspektive.

Ich liebe einfach seine Architektur, die natürlichen Materialien, die sich auch in Taliesin widerspiegeln. Er nahm einfach die Fels- und Steinbrocken um ihn herum, ein wenig Beton, Formen um beides zusammenzubinden und schon hatte er sein Baumaterial. Seine Schüler zahlten ihm damals im Jahr 600 USD, nur um ihm beim Bau helfen zu dürfen (die Hälfte des Tages mussten sie Taliesin bauen und die andere Hälfte an seinen Projekten zeichnen). Dabei hatte er selbst gar kein Architekturstudium abgeschlossen. Er hatte einfach Talent und setzte es praktisch um. Und von seinen Schülern erwartete er dasselbe, dass sie nämlich bei der praktischen Arbeit lernen. Hat irgendwie etwas, wie ich finde.
Heut zu Tage zahlen diese Schüler im übrigen 42.000 USD pro Jahr und müssen bereits über einen Bachelor-Abschluss verfügen, bevor sei nochmals 3 Jahre die Schulbank in Taliesin West und Ost drücken. Immerhin sind es auch in diesem Jahr noch 24 Enthusiasten, die den Geist von Frank Lloyd Wright weiter aufrechterhalten. Übrigens lustig, aber auch nicht verwunderlich, dass es Jahre brauchte, bis die Architektenschule in Taliesin, die zu Lebzeiten von Frank Lloyd Wright noch gar nicht über irgendwelche Zertifikate verfügte, auch formal alle Kriterien erfüllte, damit ein Abschluss nachweisbar und anerkannt ist. Irgendwie war den entsprechenden öffentlichen Stellen über längere Zeit nicht klar zu machen, dass es auch ohne Lernziele, Lehrpläne, etc. geht. Früher genügten einfach die Initialen “FLW” auf einem Papier, um die entsprechenden Fähigkeiten eines Architekturschulabgängers nachzuweisen.
Tja, so ändern sich die Zeiten.

P.S.: Übrigens ist der Kutter auch heute wieder nach immerhin 3,5h Abstellzeit nur mit 5 Sekunden andauerndem Leiern und nur ganz leichtem Rauch angesprungen. Super, oder?

4 Comments

  1. Heike Löwer

    Liebe Anke,
    deine Begeisterung über die “innen=außen”-Architektur kenne ich von mir selbst auch! Allerdings habe ich sie weniger gigantisch, viel weniger “felsig-Burg-artig” , eher überschaubar, klein, auch oft eher “heimelig ” in dem Gesamtkonzept des Jugendstiles z.Bsp. in Worpswede oder – ganz ursprünglich-steinzeitgemäß und ganz und gar nicht romantisch- bei den Danis auf Irian Jaja erlebt. Mittlerweile gibt es den trendigen Naturstil ja auch bei uns in Nordhessen in Form von Baumhäusern😅!
    In jedem Falle kann ich genau wie du mich komplett hinreißen lassen von solchen “Einmaligkeiten” 😍👏☀️
    Kuss! Heike

  2. Harald

    Tja, ‘form follows function’ war jetzt nicht so das Motto von Frank Lloyd Wright. Also die Bauhaus-Bewegung hat ihn nicht unbedingt inspiriert. Macht aber nix, seine Gebäude sahen trotzdem ganz nett aus. Vielleicht wäre ein Mittelding zwischen beiden Strömungen ganz brauchbar :-).
    Ist aber trotzdem toll, sich mal die verschiedenen Herangehensweisen an Wohn- und Funktionshäuser anzusehen. Ein sehr spannendes Thema! Da liegt FLW irgendwo zwischen Mies van der Rohe und dem ‘Knubbelhaus’ Palais Bulles in Südfrankreich.

  3. Heike Löwer

    “Knubbelhaus” Palais Bulles? Ich kenne nur die “Käseglocke” in Worpswede: super gemütlich, nur Rundungen , Mobiliar mit eingebaut, unglaublich kuschelig – u n d “funktionstüchtig” ;)) ! Haben die beiden etwas miteinander zu tun?
    Heike

  4. Harald

    Das Palais Bulles ist ein ‘Einfamilienhaus’ aus vielen Kugeln mit über 1000 qm und natürlich angebautem Amphitheater – fast so wie eine Ansammlung von diesen komischen runden Pilzen (Bovist) mit riesigen runden/ovalen Fenstern. Das Gebäude hat mal Pierre Cardin gehört. Gebaut wurde das ab Mitte der 70er. Auf jeden Fall SEHR ‘spaceig’ – kuschelig würde ich das Ding jetzt nicht nennen :-).
    Die Käseglocke ist irgendwann aus den 20ern, und im Vergleich dazu recht winzig. Von der Idee her war das damals ein toller Wurf.

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