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Ungleichheit

Wir beobachteten unseren Kutter die ganze Nacht, hatten wir doch von unserem Hotelzimmer im Las Vegas direkten Blickkontakt auf die Parkplätze der gegenüberliegenden Mall. Gott sei Dank hatten wir am nächsten Morgen (28.10.) weder inhaltliche Verluste noch Strafzettel und beschlossen, das kostenfreie Parken auszudehnen, unser Gepäck bis nachmittags im Hotel zu lassen und doch noch unser Glück zu versuchen. Wir kamen nur bis in die Mall, vor der wir geparkt hatten, als eine junge Dame uns mit einer Probe an ihren Ausstellungsstand lockte. Ich muss dazu sagen: “Mall” ist hier in Las Vegas das falsche Wort. Es handelt sich um die luxuriösesten Einkaufszentren, die ich bisher gesehen habe. Selbst die Verkäuferinnen sind zum Teil schönheitsoperiert und tragen Kleidung, die in meinen Augen wunderschön, aber auch unbezahlbar ist. Entsprechend war der Ausstellungsstand, an dem wir anhielten und Platz nahmen. Erst später erfuhren wir, dass es lediglich 3 davon gibt: Einen in Las Vegas, einen in Beverly Hills und einen in San Francisco. Die junge Frau lud uns ein und führte ein Produkt gegen Falten vor, das aus einer Art Spritze in kleinster Tropfenform hervorquillt und unter die Augen sowie auf die Mundfalten rechts und links der Nase aufgetragen wird. Danach kam eine Lüftungsphase mit einem kleinen Ventilator, die sie dazu nutzte uns weiter zu informieren bevor in Schritt 2 eine weitere Wundercreme aufgetragen wurde. Natürlich lediglich auf eine Gesichtshälfte. Die andere Hälfte blieb zum Vergleich so bestehen. Zwischen den Schritten bekamen wir immer wieder den Spiegel vorgehalten. Und wirklich: Wir konnten die Ungleichheit mit eigenen Augen sehen. Heute, 2 Tage später, fragen wir uns schon, ob dies jetzt unser Leben lang anhalten wird. Dann könnten wir sicher ein teures Schmerzensgeld einklagen. Aber seht selbst und ratet, welche unserer jeweiligen Gesichtshälften der luxuriösen Behandlung unterlagen:


Im Anschluss an unser eigenes positives Staunen darüber, wie frisch eine Hälfte aussehen kann, begann die Verkaufsphase. Die 2 Produkte sollten zunächst über 400 USD kosten. Für 600 USD war sie allerdings bereit, uns zusätzlich die Tages- und Nachtcreme, sowie Reinigungsgel und Peeling zu verkaufen. Letztere führte sie auch gleich an meinem einen Handgelenk vor und auch hier war der Effekt gegenüber dem anderen wirklich verblüffend. Thorsten wurde mit einer Massagecreme verlockt, die es gratis dazu gäbe und von der auch er allabendlich profitieren könne. Nach gefühlt 2-stündiger Verhandlung kauften wir 2 Sets der ersten 2 Produkte für einen Preis, über den wir hier nicht sprechen wollen allerdings weit, weit geringer als der Anfangspreis für 1 Set je war. Jetzt sind wir in dieser Woche täglich, in der übernächsten alle 2 Tage und danach 1 Mal wöchentlich damit beschäftigt, unsere ungleichen Gesichtshälften wieder anzupassen. Wir werden die Fortschritte der Faltenminderung täglich fotografisch festhalten und weiter darüber berichten.
Nach diesem ersten Verkaufsakt ging es weiter. Die junge Dame sagte uns eine Gratis-Gesichts- und Halsbehandlung zu, die etwa 20 Minuten in Anspruch nähme. Natürlich auch hier nur 1-seitig. Auf unseren Hals wurde eine Goldmaske aufgetragen und während der Einwirkzeit belichtete sie unsere Wangen und Kinnpartie mit einem Rot-/LED-Licht. Und das zeigte eine unglaubliche Wirkung. Ohne OP und nur mit einer 20-minütiger Bestrahlung sahen wir 10 Jahre jünger aus. Ungleich verteilt auf jeweils 1 Gesichts- und Halshälfte natürlich. Dasselbe führte sie bei mir noch an der mittlerweile etwas durchhängenden Unterseite des Oberarms durch: Hammer!
Leider sollte das LED-Gerät 4.700 USD kosten. Wir erklärten ihr, dass das 6 Monate Reisezeit für uns bedeutet. Sie ließ sich tatsächlich irgendwie dank Thorstens Überredungskünste auf 1.700 USD herunterhandeln. Aber weder wir noch sie waren zu weiteren Kompromissen bereit. Schade eigentlich. Die Ungleichheit war unglaublich.
Diese Ungleichheit stellen wir auch immer wieder zwischen Thorsten und mir fest. Außer beim Essensgeschmack haben wir wenig übereinstimmende Eigenschaften. Das zeigte sich auch beim anschließenden Roulettespiel, das wir nach der phänomenalen Gesichtsbehandlung aufsuchten. Wir tauschten 60 USD ein (damit 2/3 unseres Tagesbudgets) und teilten die Jetons auf. Ich spielte 3-Mal, verlor alles und hörte dann auf zu spielen. Thorsten gewann mit seinen 30 USD 250 und verspielte dann 90 wieder. Er ist einfach risikobereiter. Zwischenstand waren zwei 100 USD Jetons, die er hier glücklich in den Händen hält.

Das anschließende Automatenspiel und weitere 50 USD beim Roulette kosteten aber ihren Preis. Wir hatten Spaß und gingen mit 50 USD plus aus der Spielbank. Ich denke für Las Vegas bei einem Einsatz von 60 USD gar nicht schlecht.
Ist unsere Ungleichheit nun ein Problem? Ja, manches Mal tun wir uns schwer in diesem engen Zusammenleben. Möchte der eine dies, meint der andere gerade das. Dabei möchte einer dem anderen aber dennoch viel Recht machen. Die Bestimmertage führen wir fort. Allerdings erfahre ich manchmal erst abends, dass ich gerade einen hatte. Wir üben uns noch zu sagen: “Ich will” und nicht dauernd zu sagen, was man sich vorstellen könnte, welche anderen Alternativen es gäbe und welchen Anteil an der Entscheidung der jeweils andere dann noch haben könnte. Oft schwierig. Aber wie bei unseren jetzt ungleichen Gesichtshälften sind wir dennoch ein Paar und keiner kann und möchte ohne den Anderen sein. Insofern halte ich hier jetzt mal ein positives Plädoyer für die Ungleichheit. Die sich im Übrigen auch auf unserer Reise und den von uns besuchten Orten täglich widerspiegelt: nachdem wir das laute und menschenüberfüllte Las Vegas jetzt verlassen haben, sind wir seit gestern in der Gegend um die Lake Mead Recreation Area. Einem unglaublich stillen und wunderschönen Ort mit Weitsicht. Viel Ungleichheit auf nur wenigen Kilometern Entfernung.

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